Wenn Social Media auf klassische Medien wirken.

 

„Das Netz ist allgegenwärtig wie Luft, wie Strom“, sagt Richard Gutjahr, einer der bekanntesten Blogger und Journalisten in Deutschland. Die Allgegenwärtigkeit des Internets spüren klassische Medien derzeit tagtäglich, um nicht zu sagen: sekündlich, quasi mit jedem Klick.

Mediengesellschaft

Die Mediengesellschaft befindet sich am Beginn einer neuen Epoche. Wurde die Kanzlerin für ihren Spruch „Das Internet ist Neuland“ noch belächelt, so wird immer mehr deutlich, wie schwer sich gerade die klassischen Medien mit dem technologischen Fortschritt tun. Dabei ist er ein treuer Begleiter – von der Erfindung des Buchdrucks bis hin zur Verbreitung von Social Media. Letztere wirken, unbestritten. Dabei wird kontrovers darüber diskutiert, mit welchen Auswirkungen.

Aus dem US-Wahlkampf von Präsident Donald Trump ist bekannt, dass für die Wählerinnen und Wähler eine der Hauptinformationsquellen die sozialen Netzwerke waren, die keine Zeitung mehr abonniert haben. Dies lässt sich von der Dimension her so ähnlich auf Deutschland übertragen, wo es rund 30 Millionen Facebook-Nutzer gibt, Traditionsmedien wie WELT oder SÜDDEUTSCHE ZEITUNG weiter an Auflage verlieren und der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Dauerkritik steht.

Popularisierung

Eine Gefahr der potenziellen Zurückdrängung klassischer Medien ist, dass insbesondere ältere Menschen, für die die morgendliche Zeitungslektüre genauso dazu gehört wie der Fußball zum Spiel, nicht vom Informationsfluss der Gesellschaft abgekapselt werden. Sind soziale Netzwerke die Hauptquelle für Informationen, steigt gleichzeitig die Bedeutung der Informationen in sozialen Netzwerken. Diese wiederum werden anders aufbereitet als in klassischen Medien. Es überwiegt der Unterhaltungsfaktor. Dieser Trend zur Unterhaltung darf als Begleiterscheinung der Boulevardisierung angesehen werden und steht in Verbindung mit einer gewissen Popularisierung.

Soziale Medien

Die Entwicklung der herkömmlichen Medien kann wegen der Digitalisierung als schnelllebig und ihre Situation als zunehmend prekär beschrieben. Dabei geht ein gewisser Einfluss von Social Media auf klassische Medien aus: „Wenn die klassischen Medien […] Berichte schreiben oder ihre Nachrichtensendungen machen, sind sie in der Regel schon stundenlang von den Diskussionen auf den sozialen Plattformen berieselt worden“, sagt Bundesaußenminister Heiko Maas. Dies wirkt sich damit auch auf das Agenda Setting aus.

Kam den klassischen Medien beim Agenda Setting bislang eine tragende Rolle zu, so verändert sich mit dem Dasein von sozialen Netzwerken auch ein weiterer Aspekt, nämlich dass die klassischen Medien ihr Alleinstellungsmerkmal, um Nachrichten zu transportieren und um Menschen damit auch beeinflussen zu können, weg ist. Der Grund ist, dass jeder dank der Technologie selber senden kann.

Wenn sich das Agenda Setting in Richtung Online-Welt erweitert und dort jeder Nutzer zum Produzenten werden kann, liegt es auf der Hand, dass sich auch die klassischen Medien verstärkt um ihre Online-Präsenz bemühen. Deshalb ist es nur konsequent, dass klassische Medien die sozialen bedienen bzw. zur Verbreitung der eigenen Informationen die sozialen Netzwerke nutzen. Sie sind auch deshalb dazu angehalten, da sie neue Publika erschließen wollen – lediglich über einen anderen Kanal. Umgekehrt bedienen sich die sozialen Medien der klassischen Medien in großem Umfang, wenn klassische Medien ihre Nachrichten dort ausspielen. Davon profitieren dann inhaltlich auch die sozialen Netzwerke.

Komplementärfunktion

Der Trend darf als eindeutig angesehen werden: Das, was digital oder viral verbreitet wird, wird weiter an Bedeutung gewinnen. Klar ist aber auch: Die klassischen Medien stehen noch lange nicht vorm regelmäßig prognostizierten Aus. Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen liegt eine Komplementärfunktion nahe.

Ein anderer Ansatz lautet, dass die Komplementärfunktion zugunsten der sozialen Netzwerke kippt, womit die Bedeutung der klassischen Medien schwindet. Medien als Transmissionsriemen der Information verlieren damit an Bedeutung, weil die Menschen sich ihre Information selbst holen und vor allem ihre Meinung frei äußern. Wenn den Menschen diese Plattformen zur freien Entfaltung zur Verfügung stehen, lässt sich vom „Siegeszug des Internets“ sprechen. Michael Bröcker, Chefredakteur von Media Pioneer, fasst es so zusammen: „Wenn jeder Sender und Empfänger ist, verändert sich automatisch die Rolle der Medien.“

Wenn jeder Sender und nicht nur Empfänger sein kann, so kommt automatisch dem Onlinebereich eine größere Bedeutung zu. Wenn jeder senden kann, kann er auch seinen Emotionen freien Lauf lassen. Das bedeutet, dass Emotionen im Netz eine größere Rolle spielen. Ein Argument, welches Journalisten klassischer Medien selbstredend nicht verborgen bleibt. Deshalb neigen auch sie zur emotionaleren Berichterstattung, womit eine Popularisierung bei den klassischen Medien begründet werden kann. Diese Popularisierung darf auch als eine Begleiterscheinung der Boulevardisierung und damit der Unterhaltung angesehen werden.

Eine andere Perspektive der Komplementärfunktion ist, wie bedeutungsvoll soziale Netzwerke für klassische Medien sein können. Dies wird mit einer neuen Fehlerkultur begründet, wonach Medien eher zugeben, wenn ihnen ein Lapsus passiert ist. Klassische Medien, die bislang als so genannte vierte Gewalt im Staat ein Alleinstellungsmerkmal hatten, werden nun selbst kontrolliert – von einer vermeintlichen Schwarmintelligenz. 

Neuorientierung

Ohnehin sind die Medien in ihrem Selbstverständnis derzeit gestört. In Zeiten, in denen Medien als Lügenpresse beschimpft werden, geht es nicht mehr um Verlautbarungs- oder Spiegelungsjournalismus. Klassische Medien brauchen deshalb vor allem eines: Zeit. Bundesverfassungsrichter und Ministerpräsident a.D. Peter Müller beschreibt es so: „Die klassischen Medien haben in der jüngeren Vergangenheit eine Erfahrung machen müssen, die zumindest in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bisher unbekannt war. Nämlich, dass man nicht als Aufklärer angesehen wird, sondern mit dem Vorwurf der Lügenpresse, der Manipulation und der Kollaboration mit den herrschenden Eliten konfrontiert wird. Das ist neu.“ Daraus lässt sich ableiten, dass sich die klassischen Medien in einer Phase der Neuorientierung befinden. Verfassungsrichter Müller ergänzt: „Ich schließe aber nicht aus, dass es da einen Prozess geben wird, bei dem man den Wert der klassischen Medien wiedererkennt und auch die Wertschätzung wieder steigt. Meine These ist aber: Mit Blick auf eine lebendige, funktionsfähige Demokratie, haben die klassischen Medien an Bedeutung nicht verloren. Sie sind schlechthin unverzichtbar.“

 

Dieser Text ist ein zusammenfassender Ausschnitt aus der Dissertation „Algokratie – eine Gefahr der Demokratie – Konsequenzen für die Regierungskommunikation“ von Dr. Thorsten Klein. Er hat sich darin mit den Konsequenzen der Algorithmen für die Kommunikation, für die Medienlandschaft sowie für die Mediengesellschaft auseinandergesetzt. Zu finden ist sie unter https://www.zhb-flensburg.de/?id=28390.