Zur Bedeutung der Information in digitalen Zeiten.

Journalisten handeln – wenn sie professionell arbeiten – nach dem Pressekodex. Darinnen ist zum Beispiel in Ziffer zwei festgeschrieben, dass Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden müssen. Im Kodex ist auch die Objektivität geregelt. Oder auch der Schutz Dritter. Da es sich bei Social Media allerdings nicht um klassischen Journalismus handelt, ist die Qualität der Information für die weitere Bewertung von sozialen Netzwerken essenziell. 

Informationsverhalten

Hierzu ist zuallererst das Informationsverhalten der Rezipienten interessant. Hierzu herrscht Einigkeit, dass das Medium Internet unterschiedlich genutzt wird. Es lässt sich eine Dreiteilung vornehmen: 

1) Menschen sind schon vor Nutzung des Internets informiert, fast schon überinformiert („overnewsed“).

2) Menschen haben keinen Internetzugang, ihnen fehlen Informationen.

3) Menschen haben die Möglichkeit des Internet-Zugangs, nutzen Medien aber unterschiedlich. Dies gilt aber bereits schon immer – ausdrücklich auch in der prädigitalisierten Zeit.

Boulevardisierung

Die Bedeutung der in der Online-Medienwelt transportierten Information ist dabei divergent, weil die Zahlbereitschaft der Menschen für Informationen wenig ausgeprägt ist und umso stärker abnimmt, je stärker und vielfältiger das kostenlose Informationsangebot in den unterschiedlichen Medien und Kanälen ist. Deshalb hat sich die Information nicht nur physisch, sondern auch als Produkt verändert. In den Hinterköpfen der Nutzer steckt fest, eine Information womöglich noch irgendwo umsonst bekommen zu können. Auf der Suche nach „Geiz ist geil“ vergisst er allerdings (zu) schnell, kostenfreie Informationen womöglich gar nicht aus Deutschland stammen könnten. Nachrichten könnten manipuliert sein. Dies wird umso relevanter, als heutzutage als Information bereits ein Post oder eine Stellungnahme in einem sozialen Netzwerk gilt. Für manch einen sind Überschriften ja schon die gesamte Geschichte – und wenn man bei Facebook den Titel gelesen hat, hat man vermeintlich bereits den kompletten Text verstanden. Damit verliert die inhaltliche Ausgestaltung einer Berichterstattung weiter an Wert, die der Überschrift nimmt zu. Dies erinnert an den Trend zur Boulevardisierung.

Vielfalt Medienmix

Da aber Meinungsbildung und Meinungsvielfalt als Grundpfeiler eines funktionierenden demokratischen Systems nicht auf Überschriften in sozialen Netzwerken basieren, braucht es weiterhin einen großen Medienmix – oder um es demokratietheoretisch zu formulieren: eine Quellenvielfalt. Ob sich die Nutzer dieser Vielfalt bedienen, ist eine andere Frage. 

Mit dem Dasein neuer Technologien und einem veränderten Rezeptionsverhalten hat sich der Wert der Information verändert. Es gilt zu unterscheiden zwischen 1) einer Information, 2) einer vielleicht glaubwürdigen Information und 3) einer journalistischen Information. „Dies gilt umso mehr, da der Journalismus über Jahrzehnte Handwerkstechniken erarbeitet hat, mit denen er in der Lage ist, ein möglichst umfassendes Bild der Wahrheit zu bekommen“, sagt Michael Bröcker, Chefredakteur von Media Pioneer, „ob das die Wahrheit am Ende ist, das weiß niemand ganz genau. Aber wir können durch unsere Techniken der Recherche und der Falsifizierung von Information der Wahrheit möglichst nahekommen. Ich glaube, das ist am Ende der Handwerksbetrieb Journalismus, der immer noch ein anderer ist als das, was sonst im Netz passiert.“ 

Demzufolge dürfen die klassischen Medien demokratietheoretisch als gesellschaftsrelevant angesehen werden. Dabei ist ihre herausragende Rolle als Filter hervorzuheben: 

  • Sie kontrollieren demnach nicht nur staatliches Handeln,
  • sondern sie filtern auch ein Stück weit die Informationen von relevant zu weniger relevant.
  • Sie ordnen ein,
  • interpretieren und
  • geben insofern auch eine Orientierung.

Abgrenzung

Die Abgrenzung der klassischen Medien im Vergleich zu Social Media lässt sich so darstellen: 

  • Klassische Medien bieten Informationen strukturierter an,
  • bilden die Breite der Debatte ab und sorgen dafür, dass
  • nicht nur Selbstvergewisserung stattfindet. 

Gleichzeitig allerdings hat sich die Medienwelt durch den Einzug neuer Technologien dahingehend verändert, dass es klassische Einordnungskriterien zum Teil nicht mehr gibt. 

Im analogen Zeitalter zeichnete die klassischen Medien aus, dass Aussagen auf ihre Faktizität geprüft wurden, bevor sie veröffentlicht wurden. Damit konnten sie der oben beschriebenen Einordnung dienen. Im heutigen digitalen Zeitalter verschiebt sich die Prüfung in die Phase nach der Publikation – falls diese Prüfung überhaupt stattfindet. 

Alleinstellungsmerkmal 

Es darf aus der Sicht der quantitativen wie auch der qualitativen Bewertung festgehalten werden, dass die klassischen Medien in dieser Funktion des ordnenden Filters ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen. Folgendes Beispiel von Staatssekretär a.D. Dirk Metz, Inhaber der gleichnamigen PR-Agentur, verdeutlicht es:

„Dass Medien Dinge seriös einordnen, ist das Wichtigste. Das gilt auch für eine klassische Tageszeitung, dass wenn ich auf die Seite eins schaue, eine Redaktion die Entscheidung getroffen hat, was sie für wichtig und was sie für weniger wichtig hält, mit der Frage des Umfangs eines Themas, mit der Frage, stelle ich ein Bild dazu oder nicht, mit der Frage, auf welcher Seite und an welcher Stelle ich etwas platziere. Auf Seite eins ist es sehr wichtig, auf Seite acht links unten ist es eben ein bisschen weniger wichtig. Und diese Entscheidung gibt Menschen Orientierung.“

 

 

Abbildung: Bedeutung der klassischen Massenmedien. Eigene Darstellung.

 

Dieser Text ist ein zusammenfassender Ausschnitt aus der Dissertation „Algokratie – eine Gefahr der Demokratie – Konsequenzen für die Regierungskommunikation“ von Dr. Thorsten Klein. Er hat sich darin mit den Konsequenzen der Algorithmen für die Kommunikation, für die Medienlandschaft sowie für die Mediengesellschaft auseinandergesetzt. Zu finden ist sie unter https://www.zhb-flensburg.de/?id=28390.