Über die Bedeutung von Emotionen.

 

N-tv meldet für Italien 800 Tote. An einem Tag. Zum wiederholten Mal. Und das in Zeiten von Corona, dem Virus, das die Welt auf den Kopf stellt. Erklärt und geklärt wird dabei nicht, woran die 800 Menschen in Italien gestorben sind. Man könnte meinen, an eben jenem Covid-19.

800 ist eine beeindruckende Zahl. Im ländlichen Raum ist das ein ganzes Dorf. 800 – das ist so vorstellbar wie unvorstellbar. Die Meldung an diesem Sonntag, den 22. März 2020 macht nachdenklich und fassungslos. Sie trifft ins Herz. Sie löst Emotionen aus. Die Meldung wird geteilt. Und Facebook lässt zu, dass wir unseren Gefühlszustand gleich mit angeben: zustimmend, lachend, begeistert, liebevoll, traurig, wütend.

Eine Emotionalisierung macht greifbar und spannend. Der Mensch ist dabei und nimmt teil. Das braucht er.

Die Plattform lenkt damit den Fokus mehr auf die affektiven Reaktionen als auf eine kognitive Befassung mit dem Inhalt der Meldung. Manchmal reicht schon eine affekthascherische Überschrift – unabhängig des Textes. Inhalte passen sich an diese Logik an. Clickbaiting lautet das Stichwort – mit der Intention, die Nutzer zur Interaktion anzuregen.

Emotionalität ist ein Nachrichtenwert: Je stärker Emotionen aktiviert werden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachricht verbreitet wird. Und heuzutage gilt: Eine Nachricht, die nicht geteilt wird, ist keine Nachricht. Positiv formuliert: Die Emotionalität gilt gerade in sozialen Netzwerken als Hebel, um überhaupt Informationen transportieren zu können. Und es gilt mehr denn je: only bad news are good news. 800 Tote – diese Zeile wirkt.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte jeder Einzelne die Möglichkeit, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, aus dem Affekt heraus eine Meinung abzusetzen und sie über soziale Netzwerke sekundenschnell und vor allem tausendfach zu verbreiten. Der Bekanntheitsgrad von Bäcker Bosselmann war bislang im Mikrokosmos Hannover sehr ausgeprägt. Seit 20. März 2020 kennt ihn Deutschland. Schlagartig, binnen weniger Stunden – wegen eines sehr emotionalen Videos, welches viral ging und millionenfach geklickt wurde. Laut Exponentialfunktion.

Fake News

Diese Einordnung vorausgeschickt, lassen sich Fake News entsprechend einordnen. Der Bayrische Rundfunk geht am 23. März 2020 um 16.38 Uhr mit einer Übersicht online, die Falschnachrichten zum Corona-Virus zeigt:

  • Verfälschte Fotos von Medizinpersonal,
  • Flüchtlingsmassen in München,
  • Särge, die Menschen zeigen, die an Corona verstorben sein sollen,
  • Ein Arzt mit Panikmache,
  • Gerüchte-Ketten um Ibuprofen
  • und viele mehr.

Alle Meldungen eint: Sie zielen allesamt auf die affektive Ebene ab. Sie nutzen Emotionen als Eintrittstür, um dann vermeintlich wichtige und relevante Informationen zu transportieren. Initiatoren von Fake News bedienen sich eines eigenen Agenda Settings, Emotionen und der Technik der Online-Welt zur Mobilisierung. Sie vernetzen eine Teilgruppierung – und es schließen sich viele zusammen. Nachrichten werden demzufolge fast schon grenzenlos geteilt. Ebenfalls laut Exponentialfunktion.

Die Digitalisierung hat die Dimensionen Raum und Zeit aufgelöst. Falschnachrichten machen weder vor Ländergrenzen noch vor einer Uhrzeit halt. Das politische System steht vor einer Zerreißprobe.

Emotionen

Der Mensch lebt und wird gelenkt von Emotionen. Politik wird von Menschen gemacht. Damit liegt auf der Hand, dass Politik immer etwas mit Emotionen zu tun hat. Politik – egal welcher Couleur – handelt nicht nur nach den Gesetzen von Mathematik oder Physik. Die Frage ist, auf welches Niveau sich Politik einlässt – und dabei ist Vorsicht geboten. Es ist in sozialen Netzwerken zu beobachten, dass sich Regierungsmitglieder zu Aussagen, die als direkten Angriff auf Nutzer gewertet werden können, hinreißen lassen und sich damit angreifbar machen oder einen Shitstorm auslösen können. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Begriff Niveau einordnen. Zur Vorsicht wird auch deshalb geraten, weil durch die Möglichkeit der Manipulation in Verbindung mit der Anonymität sich das Risiko der Emotionalisierung von Prozessen, die eigentlich rational sein müssten, erhöht. Reagiert man hierauf sozusagen auf niedrigerer Augenhöhe, besteht die Gefahr, dass in dieser verbalen Auseinandersetzung eine Deutungshoheit für eine Institution verloren geht. Eine Zerrreißprobe.

Den Hochlauf der Emotionen und dadurch auch der vorherrschenden Subjektivität der Äußerungen mitzumachen, ist kein Erfolgsgarant. Die Argumentationsfähigkeit im Netz ist endlich. Grundsätzlich gilt deshalb: Je emotionaler und dadurch je oberflächlicher, subjektiver und persönlicher die Diskussionskultur in den Netzwerken ist, desto nüchterner, klarer und sachlicher muss die kommunikative Antwort sein.

Der Zusammenhang zwischen emotionaler und rationaler Ebene liegt auf der Hand: Man kann die emotionale Ebene nutzen, um den Transport der Information, also die rationale Ebene, zu gewährleisten.

Vertrauen

Denn letzten Endes können Sachlichkeit und Rationalität zu erhöhtem Vertrauen führen. Es erscheint gewinnbringender, lieber langfristig das Label Verlässlichkeit, Seriosität und Vertrauen zu bekommen, anstatt kurzfristig in der Lage gewesen zu sein, emotional in allen Debatten mitzumachen. Vielleicht ist auch dies der Grund dafür, dass Parteien der extremen Ränder – links wie rechts – in Zeiten der Corona-Krise aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden sind. Bei dieser Zerreißprobe führt die Regierung

Dieser Text ist ein zusammenfassender Ausschnitt aus der Dissertation „Algokratie – eine Gefahr der Demokratie – Konsequenzen für die Regierungskommunikation“ von Dr. Thorsten Klein. Er hat sich darin mit den Konsequenzen der Algorithmen für die Kommunikation, für die Medienlandschaft sowie für die Mediengesellschaft auseinandergesetzt. Zu finden ist sie unter https://www.zhb-flensburg.de/?id=28390.